Kein Werkbeitrag für Agassiz-Ausstellung?
Am 24. Mai 2011 hat der Stadtrat fünf kulturellen Projekten einen Werkbeitrag von Fr. 10'000 zugesprochen, nicht aber der von Hans Fässler in Grindelwald geplanten Ausstellung über den Schweizer Rassisten und Naturwissenschafter Louis Agassiz (1807 - 1873). Damit würde zum ersten Mal seit Jahren die Kommission für Kulturförderung desavouiert und die Sparte "Literatur und Geschichte" überhaupt nicht berücksichtigt.
Hans Fässlers Arbeiten zur Sklaverei und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (an denen auch Mitglieder der St.Galler Familien Gsell, Schlumpf, Rietmann, Billwiller, Högger, Züblin, Hochreutener, Locher, Zollikofer, Kunkler, Zyli, Girtanner, Kunz und Scherrer direkt oder indirekt beteiligt waren) haben in den letzten Jahren diesem Thema die längst überfällige Aufmerksamkeit verschafft.
Seitens des Stadtrates wurden in der Diskussion und gegenüber der Presse drei Argumente genannt: Die Agassiz-Ausstellung habe mit St.Gallen nicht viel zu tun, sie greife in die Gemeindeautonomie ein und sei bereits weitgehend erarbeitet. Alle drei Argumente sind nachweislich derart falsch, dass der Verdacht entsteht, ein bürgerlich dominierter Stadtrat habe ein kritisches Projekt eines unbequemen linken Zeitgenossen abserviert und einen politischen Entscheid gefällt.
Der Stadtrat wird hiermit eingeladen, die folgenden Fragen zu beantworten:
- Die Argumentation, die Agassiz-Ausstellung habe mit St.Gallen nicht viel zu tun, legt den Schluss nahe, dass Werkbeiträge nur noch an Projekte vergeben werden, die sich inhaltlich mit der Stadt St.Gallen auseinandersetzen. Existiert ein solcher Paradigmenwechsel und wie würde der Stadtrat diesen mit den rechtlichen Grundlagen sowie mit dem Kulturkonzept der Stadt in Einklang bringen?
- Die geplante Ausstellung ist laut dem Projektleiter kein Eingriff in die Gemeindeautonomie Grindelwalds, sondern das Ergebnis eines Kompromisses zwischen den Ausstellungsmachern und den Gemeindebehörden. Liegen dem Stadtrat andere Informationen vor oder wie kam der Stadtrat zum gegenteiligen Schluss?
- Wie stellt sich der Stadtrat generell zur Kulturkommission? Diskutiert er deren Vorschläge auch inhaltlich und nicht nur formell? Unter welchen Umständen greift der Stadtrat in die Vorschläge ein?
- Wie unterscheidet sich Fässlers Antrag von dem 2007 unterstützten Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte der Schweizer Spanienkämpfer? Gemäss der vorliegenden Logik wurde damit in die Autonomie des Bundes eingegriffen, der allein für die Rehabilitierung von aufgrund von Bundesgesetzen Verurteilten zuständig ist.
- Von den bisher gesprochenen rund 120 Werkbeiträgen gingen nur gerade drei an historische Projekte. Wie erklärt sich der Stadtrat dieses Missverhältnis? Werden für diese Projekte andere Massstäbe angewendet?
- Ist der Stadtrat bereit, einen allfälligen Rückkommensantrag der Kommission für Kulturförderung entgegenzunehmen und seinen Entscheid vor der Verleihung der Werkbeiträge im November 2011 zu korrigieren?
eingereicht am: 30. August 2011 eingereicht durch: Beatrice Truniger Blaser



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