Stadt St. Gallen / Publiziertes / Leserbriefe / 2011 / Das Einfamilienhaus-Theater

Martin Boesch: Das Einfamilienhaus-Theater

Es ist grotesk: Da lässt der Chef des Hauseigentümerverbandes (HEV) durch seine Abgesandten im Stadtparlament einen Vorstoss lancieren, mit der klaren Forderung, dass die Einfamilienhauszone mit tiefer Baudichte wieder eingeführt werde. Begründung: Man fühlt sich als Einfamilienhausbesitzer gestört durch Nachbarn, die ihre Parzelle besser nutzen wollen (sprich: grösser oder höher bauen) , was seit der Revision der Bauordnung 2006 möglich ist und auch angestrebt wird.

Zweiter Akt: Die Motion wird im Stadtparlament gegen Links-Grün an den Stadtrat überwiesen, und dieser muss nun gegen seinen Willen die Bauordnung schon wieder ändern. Inhalt der Neuerung: Verdichtung nur noch beschränkt möglich, Schutz der bestehenden Bauten vor “Verschandelung“ der schönen Villenviertel – genau so, wie es der HEV verlangte.

Dritter Akt: Jetzt tritt wieder der Chef des HEV in Aktion, er kritisiert in scharfen Worten den Stadtrat wegen seiner Inkonsequenz, da ja innere Verdichtung und bodensparende Bauweise das Gebot der Stunde sei. Er ruft die Hausbesitzer in grossformatigen Inseraten dazu auf, massenhaft Einsprache gegen diese staatliche Enteignung einzureichen, bei Bedarf mit Unterstützung seiner Anwaltskanzlei, versteht sich ja. Und das Tagblatt gewährt ihm zudem ausreichend Platz im redaktionellen Teil, ohne der geneigten Leserschaft die Hintergründe dieser Absurdität auszuleuchten. Ist das nun Wahlwerbung für die SVP und ihre Vasallen in den Bürgerparteien oder doch eher eine Fasnachtsnummer?

Finale: Der Stadtrat ist jetzt gut beraten, die missglückte Übung abzublasen, die Vorlage zurückzuziehen und alles beim Alten zu belassen. Damit kann auf diese unsäglichen Rechtsverfahren verzichtet werden. Und dem Stadtparlament ist zu wünschen, dass es in Zukunft nicht mehr auf jedes Manöver des HEV hereinfällt.

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