10.02.2012 - Afrika ist eine Frage der Zeit
Beim Anlass "Zu Besuch mit einem Buch", zu dem die SP Wittenbach-Häggenschwil-Muolen am vergangenen Freitag eingeladen hatte, standen Bücher aus Afrika im Mittelpunkt. Die teils hundert Jahre zurückliegenden Erlebnisse wirken in die Gegenwart hinein, so dass der eine Buchtitel "Eine Frage der Zeit" auch Titel der Veranstaltung sein kann, es ging in jedem Fall auch um Fragen unserer Zeit.
Regierungsrätin Heidi Hanselmann sprach über das Buch "Mein Leben für Liberia" von Ellen Johnson Sirleaf. Diese wurde im Jahre 2005 entgegen allen Erwartungen zur ersten Präsidentin eines afrikanischen Landes gewählt. Ihr Kampf gegen die Armut und ihr Engagement für die Rechte der Frauen hatten dies möglich gemacht. Die Frauen in Liberia waren wie elektrisiert während des Wahlkampfs. Im Jahre 2011 erhielt E.J. Sirleaf den Friedensnobelpreis, als eine, die scheinbar Unmögliches möglich gemacht hat. Heidi Hanselmann spannte den Bogen in unsere Verhältnisse, wo trotz aller Entwicklung die Gleichstellung der Frauen noch vielerorts nicht erreicht ist - gerade auch, wenn man die Kandidatin und die Kandidaten für die 7 Regierungssitze zählt: eine Frau gegenüber acht Männern.
Paul Baumann, Kantonsratskandidat aus Wittenbach, stellte das Buch "Das Auge des Leoparden" von Hennig Mankell vor, dessen Handlung etwa vierzig Jahre zurückliegt. Es beschreibt die Lebensgeschichte eines Schweden, der eigentlich nur zu einem kurzen Besuch einer Missionsstation nach Sambia reist, dort aber hängen bleibt, sich mit der Zeit immer mehr auf das Land einlässt und etwa die Erfahrung macht, dass es in der Einheimischensprache für vieles, was Europäern wichtig ist, gar kein Wort gibt, z.B. für "Glück". Die intensive Beschreibung, wie sich ein Weisser lange fremd fühlt in jener andern Welt, gibt eine Vorstellung, wie sich umgekehrt Flüchtlinge aus Afrika bei uns fühlen.
Peter Müller, der ebenfalls zur Wahl in den Kantonsrat antritt, schilderte eine historische Erzählung, welche kurz vor und während des 1. Weltkriegs spielt. Alex Capus erzählt in "Eine Frage der Zeit" die äusserst merkwürdige Geschichte eines neuen Schiffes, dessen Bestandteile die Deutschen auf dem Seeweg und dann per Eisenbahn von Dar-Es-Salem (Hafen des Friedens) durch Deutsch-Ostafrika zum Tanganjikasee transportierten und dort zusammensetzten. Die Engländer reagierten darauf während des 1. Weltkriegs ihrerseits mit zwei "importierten" Booten, um die Vorherrschaft der Deutschen auf dem See zu brechen. Peter Müller zeichnete die äusserst schillernde Person des englischen Kommandanten Geoffrey Basil Spicer Simson auf amüsante Art nach - und erinnerte mit dem Buch daran, dass der uns ferne afrikanische Kontinent während langer Zeit Schauplatz von Auseinandersetzungen der europäischen Mächte war, mit Auswirkungen bis auf den heutigen Tag. Und sogar das deutsche Schiff, welches längere Zeit auf dem Grund des Sees lag, fährt wieder, unter dem Namen "Limba."
Anschliessend an die Vorstellung der Bücher folgte eine lebhafte Unterhaltung über die Lesegewohnheiten, die Fragen, wann und wie man Bücher liest, wie man Bücher ausliest, ob man sie "aus-liest", d.h. zu Ende liest. Bettina Surber führte durch den Abend, Julia und Thomas Kräuchi begleiteten die Bücher musikalisch mit Stücken aus der Salonmusik für Violine und Klavier - ein spannender, lehrreicher, ein vergnüglicher Abend.



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